1. Lebensraum Korallenriff
In jedem Lebensraum - auch im Korallenriff - gibt es 3 große Organismengruppen die direkt voneinander abhängig sind.
1.1. Produzenten – die Erzeuger
Zu den Produzenten zählen alle pflanzlichen Lebewesen des Riffes. Einzellige, frei im Wasser schwebende Algen (Pflanzenplankton = Phytoplankton), festgewachsene Algen bzw. Algen, die in den äußeren Gewebeschichten von Tieren eingeschlossen sein können, so genannte Zooxantellen. Diese Algen nehmen Wasser, Kohlendioxid (CO2) und Mineralstoffe auf und verbinden diese mit Hilfe des Sonnenlichtes zu Zucker. Bei diesem Vorgang, der Photosynthese, entsteht als Ausscheidungsprodukt Sauerstoff (O2), den alle anderen Riffbewohner benötigen.
1.2. Konsumenten – die Verbraucher
Von den in der Photosynthese erzeugten Produkten ernährt sich eine Vielzahl von Organismen. Um Energie zu erhalten, zerspalten sie mit Hilfe von O2 energiereiche Verbindungen (Atmung) und geben als Abfallprodukt dieses Vorganges CO2 ab. Zu den Konsumenten zählen von Einzellern bis zu den großen Räubern alle Tiere, die keine Photosynthese betreiben und Nahrung in unterschiedlicher Form aufnehmen müssen.
1.3. Destruenten – die Zersetzer
Alle Rifflebewesen müssen einmal sterben und sinken dann auf den Meeresgrund. Dort werden sie in ihre Bestandteile (Mineralien) zersetzt. Diese Arbeit verrichten z.B. Krebse, Schnecken, Würmer aber auch Seegurken, die im Sand nach organischem Material suchen und dabei den Sand durchwühlen. Auch Bakterien helfen bei diesem Abbau.
1.4. Stoffkreisläufe
Die von den Pflanzen produzierten energiereichen Verbindungen werden von Tieren aufgenommen. Diese Weitergabe der Energie bezeichnet man als Nahrungskette. Natürlich befindet sich die Mehrzahl der Organismen am Beginn der Nahrungskette, so dass eine Nahrungspyramide entsteht. Viele Pflanzen (Phytoplankton), viele kleine Tiere (Zooplankton), weniger größere Tiere, wenige Endglieder der Nahrungskette. Kein Wunder also, dass große Beutegreifer, wie z.B. Haie, selten sind. Da die Nährstoffe in der Nahrungskette weitergereicht werden, die abgestorbenen Glieder der Kette allerdings wieder bis auf das Niveau der Mineralstoffe zersetzt werden, entsteht so ein Kreislauf. Alle 3 Organismengruppen, Erzeuger, Verbraucher und Zersetzer, sind also aufeinander angewiesen und voneinander abhängig. Fehlt auch nur eines dieser Glieder, so ist das System bedroht. Grundsätzlich ist anzumerken, dass Riffe nährstoffarme Lebensräume sind. Diese Armut zwingt ihre Bewohner zu vielfältigen speziellen Anpassungen und verursacht die hohen Artenzahlen der diversen Lebensformen.
2. Riffentstehung
2.1. Korallen als Riffbaumeister
Korallenriffe sind von lebenden Organismen erbaute Strukturen. Grundlage dieser Bautätigkeit ist die Fähigkeit schnellwüchsiger Steinkorallenarten (z.B. Station 15 und 18; Tischkorallen) Calcium aus dem Wasser aufzunehmen und in ihre Skelettstruktur einzubauen. Durch Wachstumsvorgänge vergrößern sich diese Strukturen. Viele Korallen erbauen so die räumlich stark gegliederte Struktur eines Riffes, die Basis für das Leben aller anderen Riffbewohner ist. Es dauert jedoch sehr lange, oft hunderte Jahre, bis sich eine stabile Artengemeinschaft entwickelt hat, die in der Lage ist auch Perioden ungünstiger Bedingungen zu überleben. Das häufige Vorkommen von Himbeerkorallen (Station 3), die zu den Pionierbesiedlern zählen, aber im Wettbewerb des voll entwickelten Riffes chancenlos sind, deutet auf ein noch relativ junges Alter unseres Hausriffes hin.
2.2. Nesseltier Koralle
Korallen zählen zu den Nesseltieren und bestehen zumeist aus Kolonien von Einzelpolypen. Jeder Polyp besitzt einen „vasenförmigen“ oben eng zulaufenden Körper. An dieser Mundöffnung sitzen Fangtentakel die mit Nesselkapseln versehen sind. Manche dieser Nesselkapseln besitzen Giftstoffe um Nahrung, wie z.B. kleine Planktonlebewesen, zu betäuben und zu fangen. An der Unterseite ihres Körpers wird laufend Calcium in ihr Skelett eingelagert, in das sich die Polypen zurückziehen können um vor Fressfeinden sicher zu sein.
2.3. Formen und Gestalt der Korallen
Korallen können sehr unterschiedlich aussehen, da viele Organismen zu dieser Tiergruppe zählen die systematisch in unterschiedliche Klassen und Familien eingeteilt werden. Einige davon kannst Du auf unserem Lehrpfad finden (u. a. Station 3; Himbeerkoralle, Station 10; Blasenkoralle, Station 12; Elefantenohrkoralle, Station 13; Fächerkoralle, Station 20; Anemone usw.). Näheres zur Systematik findest Du in den Lehrbüchern unserer Riffbibliothek.
2.4. Ernährungsformen den Korallen
Korallen ernähren sich auf drei verschiedene Arten.
2.4.1. Ernährung mit Hilfe von Algenpartnern:
Bei den meisten Korallenarten sitzen in den oberen Gewebeschichten eine Vielzahl von Algen (Zooxantellen), die Photosynthese betreiben und so Zucker produzieren. Dieser Zucker wird von den Algen der Koralle zur Verfügung gestellt. Die Koralle liefert den Algen dafür Mineralstoffe und CO2. Beide Partner haben also einen Vorteil aus dieser Lebensgemeinschaft. Die Algen verursachen auch die Färbung der Koralle, ob eine Koralle gelb, braun oder blau ist, hängt also davon ab, mit welcher Algenart sie zusammenlebt (Station 15 und 18, braune und blaue Tischkoralle). Diese Form der Ernährung ist für die Koralle von größter Bedeutung und macht circa 70% ihres Nahrungsbedarfes aus. Ohne ihre Algenpartner kann eine Koralle nur wenige Wochen überleben!
2.4.2. Ernährung mit Hilfe der Fresstentakel:
Korallenpolypen besitzen nesselzellenbewehrte Fresstentakel, die jedoch bei vielen Arten nur während der Nacht sichtbar sind. Während des Tages wären die weichen Polypen ein gefundenes Fressen für viele Riffbewohner. Die meisten Korallen sind also nachtaktive Planktonfänger. Muss eine Koralle auf diese Ernährungsform verzichten, die circa 30 % ihrer gesamten Ernährung ausmacht, so kann sie dennoch überleben, da die Ernährung über die Algenpartner für ein Überleben ausreichend ist.
2.4.3. Ernährung über Oberflächengewebe:
Korallen können in Wasser gelöste Nährstoffe wie Zucker, Eiweiß und Fette direkt über die Hautoberfläche aufnehmen, allerdings kann nur 10% des Nährstoffbedarfs auf diese Art und Weise gedeckt werden.
2.5. Fortpflanzung der Korallen
Korallen besitzen 2 Möglichkeiten zur Fortpflanzung, die in ihrer Kombination zur weltweiten Verbreitung der Korallenriffe geführt haben. Viele Korallenarten, die Du auf unserem Rifflehrpfad finden wirst, kannst Du z.B. auch in Australien, der Südsee, den Malediven usw. antreffen.
2.5.1. geschlechtliche – sexuelle Vermehrung:
Viele Korallen sind getrennt geschlechtlich, es gibt also männliche und weibliche Exemplare einer Art. Einmal im Jahr, gesteuert durch Mondphasen, entlassen sie gleichzeitig Ei- und Samenzellen ins Wasser. Diese treffen sich, es kommt zur Befruchtung und eine schwimmfähige Larve entsteht, die oft sehr lange, durch Strömungen weit getrieben, im Wasser schwebt. Trifft die Larve auf einen harten Untergrund, so kann sie festwachsen und wird zu einem neuen Polypen.
2.5.2. ungeschlechtliche – asexuelle Vermehrung:
Der nun festgewachsene Polyp teilt sich und erzeugt durch Knospung weitere Polypen, die mit ihm verbunden bleiben. Eine Korallenkolonie, die gewaltige Ausmaße annehmen kann, entsteht. Alte, große Korallen sind oft mehrere hundert Jahre alt, wie Bohrkerne belegen. Die Fächerkoralle, die Du an unserem Hausriff findest, dürfte weit über 100 Jahre alt sein (Station 13, Gorgonie).
2.6. Lebensbedingungen riffbildender Korallen
Riffbildende Korallen können nur im Salzwasser überleben und benötigen bestimmte Umweltfaktoren für ihr Wachstum und ihre Entwicklung.
2.6.1. Temperatur
Wassertemperaturen zwischen 27°C und 29°C bieten optimale Wachstumsbedingungen, längerfristige Temperaturwerte über 30°C oder unter 20°C limitieren das Überleben der Korallen.
2.6.2. Licht
Viele Korallen benötigen Licht für ihre Algenpartner, die besten Wachstumsmöglichkeiten sind deshalb im Flachwasserbereich. Dieses kannst Du auf unserem Lehrpfad sehr gut beobachten.
2.6.3. Strömung
Korallen schätzen strömungsreiche Gebiete, da ihnen an diesen Plätzen reichlich Plankton zugeführt wird.
2.6.4. Wasserqualität
Korallen benötigen sauberes, nähr- und schwebstoffarmes Wasser.
3. Artüberschreitende Beziehungen
Wie in allen Lebensräumen gibt es auch im Korallenriff unterschiedliche Beziehungsmuster zwischen den Arten, von denen wir Dir einige vorstellen wollen:
3.1. Symbiosen - Kooperation
Unter einer Symbiose versteht man das Zusammenleben zweier artverschiedener Lebewesen zum gegenseitigen Vorteil. Erinnerst Du Dich? Schon die Korallen besitzen symbiotische Algen in ihrem Gewebe und stellen so eine Symbiose dar! Folgende Symbiosen kannst Du auf unserem Lehrpfad entdecken:
3.1.1. Grundel – Krebs:
Auf den sandigen Abschnitten des Lehrpfades findest Du, wenn Du langsam und vorsichtig tauchst, immer wieder kleine Löcher im Sandgrund, vor denen ein kleiner Fisch, eine Grundel Wache hält. Diese Löcher sind oft mit kleinen Korallenbruchstücken abgesichert und werden von einem kleinen Krebs freigebaggert, der aber leider nur sehr schlecht sieht. Die Grundel hilft ihm, indem sie ständig Kontakt zu ihm hält und bei Feindannäherung warnt. Beide verschwinden dann in der Höhle. Die Grundel erhält so ein gut geschütztes Versteck, der Krebs eine Art Blinden- bzw. Wachhund. (Sandfläche zwischen Station 4 und 5)
3.1.2. Seeanemone – Clownfisch:
Seeanemonen besitzen ebenso wie Korallen Nesselzellen mit Nesselgift. Damit sich jedoch ihre Fangarme, wenn sie gegeneinander schlagen, nicht gegenseitig nesseln sind sie mit einem Schleimstoff bedeckt, der eine Vernesselung verhindert. Diesen Schutzmantel eignen sich auch die Clownfische an, indem sie sich im Jugendalter eng an die Basis der Tentakel schmiegen. Sie werden nun von der Anemone nicht mehr genesselt und besitzen Zeit ihres Lebens in der Anemone einen sehr guten Schutz vor Fressfeinden. Die erwachsenen Clownfische verteidigen ihre Anemone, in der die Jungtiere leben, selbst gegen viel größere Lebewesen. (Station 20, Prachtanemone - Clownfisch)
3.2. Konkurrenz – Streben um Wettbewerbsvorteile
Auch wenn die Riffgemeinschaft sehr harmonisch aussieht, herrscht doch ein stetiger Kampf ums Überleben. Der dichte, enge Bewuchs mit Korallen in den flachen Bereichen des Riffes ist Ausdruck dieses Kampfes um Licht und Besiedelungsfläche. Jeder Zentimeter freier Siedelungsraum wird sofort genutzt, oftmals versuchen Arten einander zu überwachsen. (Station 9, roter Schwamm überwächst Plattenkoralle. Beachte die Veränderung von 2002 zu 2007, der Schwamm hat die Koralle mittlerweile vollständig überwachsen!)
3.3. Kommensalismus – Tischgemeinschaften
Mit etwas Glück kannst du Barben oder Blaupunktrochen sehen, die im Sand nach Nahrung suchen. Ihnen folgen zumeist weitere Arten, wie z.B. Lippfische, die sich aus dem durch die Grabungsaktivitäten aufgewirbeltem Sediment Nahrungsteilchen schnappen.
3.4. Episitismus – Räubertum
Auch diese Beziehungsform ist im Riff zu finden, vielleicht hast Du Glück und kannst einen Flötenfisch bei der Jagd beobachten. Viele Lebewesen versuchen sich mit Gift vor Fressfeinden zu schützen und zeigen dies auch deutlich. Prächtig gefärbte Nacktschnecken, wie z.B. die Pyjamaschnecke, signalisieren ihre Giftigkeit mit leuchtenden Farben. Auch Rotfeuerfische und Drachenköpfe, schützen sich durch Giftdrüsen in ihren Flossenstrahlen.
4. Bedrohung der Korallenriffe
Wie fast alle Lebensräume stehen auch die Korallenriffe unter hohem Umweltdruck. Weltweit sind rund 60% der Riffe ernsthaft in ihrem Bestand bedroht. Werden Korallen gestresst, so stoßen sie zunächst ihre symbiotischen Algenpartner ab. Sie verlieren somit auch ihre Farbe und bleichen aus (Coral bleaching). In diesem Zustand können sie noch wenige Wochen überleben, verbessert sich dann die Umweltsituation weiterhin nicht, sterben die Polypen ab und das tote Kalkskelett bleibt zurück. Folgende Faktoren bedrohen heute weltweit die Riffe:
4.1. Globale Erwärmung – Treibhauseffekt:
Die Erwärmung der Erdatmosphäre führt weltweit auch zu einem Anstieg der Meeres-temperatur. Da Korallen längerfristig nur maximale Wassertemperaturen von 30°C überleben können, sterben sie bei mehrwöchiger Wassererwärmung über 30°C rasch ab.
4.2. Bautätigkeit:
Auf vielen Inseln ist Korallenkalk der einzig verfügbare Baustoff. Um neue Siedlungen, Straßen oder selbst Flughäfen zu bauen, werden Korallen aus den Riffen gebrochen. Zwischen Station 14 und 15 kannst Du auch dafür leider ein gutes Beispiel finden.
4.3. Sedimentation:
Das Abholzen ufernaher Vegetation (Mangroven) und das Fällen großer Regenwaldgebiete in tropischen Bereichen führt zu vermehrten Sedimentmengen in den Flüssen. Diese Schwebstoffe, Sande und Tone werden durch die Flüsse in die küstennahen Riffe eingetragen und bedecken die Korallen, die somit vom Licht abgeschnitten werden und absterben. Auch küstennahe Bautätigkeit beeinflusst die Riffe in diesem Zusammenhang.
4.4. Überfischung:
Weltweit werden mehr Fische aus den Gewässern entnommen, als durch natürliche Vermehrungsprozesse nachwachsen können. Industrielle Fischfangmethoden, Dynamit- und Cyanid Fischerei tragen zu einer Verschärfung der Situation bei.
4.5. Tourismus:
Direkter Korallenkontakt durch Badegäste, Schnorchler und Taucher, sowie in den Riffen ankernde Tauchboote beschädigen die Korallen. Zusätzlicher Nährstoffeintrag durch Anfüttern oder Fäkalien führen zu einem Konkurrenzvorteil für schnellwüchsige Algen, welche die Korallen bedecken. Darunter liegende Korallen sterben ab. Harpunieren, Sportfischen und Meeressouvenirs wie Schneckengehäuse, ausgestopfte Fische usw. führen zu einer selektiven Verarmung der Unterwasserwelt.
5. Wie kann ich zum Riffschutz beitragen?
Es gibt viele Möglichkeiten zum Riffschutz beizutragen, die noch intakten Riffen helfen könnten in ihrer Vielfalt zu überleben. Du kannst durch Dein Verhalten und Vorbild für andere einen wesentlichen Beitrag dazu leisten!
- Informiere Dich über lokale Gegebenheiten, Schutzzonen und Schutzprojekte
- Bemühe Dich, beim Tauchen weder den Grund, noch Korallen zu berühren
- Füttere keine Meereslebewesen und vermeide jeden Schad- und Nährstoffeintrag
- Kaufe und sammle keine Meeressouvenirs wie Korallen, Gehäuse etc.
- Wähle Tauchbasen die umweltgerechtes Tauchen praktizieren: kein Ankern in den Riffen, keine Abfälle ins Wasser, keine Fütterungen
- Unterstütze lokale Umweltschutzprojekte.
- Ausbildung und Unterstützung der lokalen Bevölkerung sorgen im Sinne der Nachhaltigkeit für langfristigen sensiblen Umgang mit der Natur
- Viele Formen des Energieverbrauchs erzeugen Abgase und tragen so zum Treibhauseffekt bei, vermeide Energieverschwendung, auch zu Hause
Tauchplatzskizze
Auf den folgenden Seiten findest Du eine Tauchplatzskizze und Bilder des Unterwasser- lehrpfades, die Dir die verschiedenen Stationen vorstellen und Dir helfen werden Deinen Weg unter Wasser zu finden. In nur einem Jahr ergeben sich schon deutliche Veränderungen, die dokumentieren, dass sich Riffe in ständiger Veränderung befinden. Weitere Informationen, vor allem zur Vielfalt der Rifflebensgemeinschaft, bekommst Du bei unseren Tauchlehrern und findest Du in den Büchern unserer Riffbibliothek. Wir wünschen Dir viel Spaß bei Deinem Tauchgang durch die faszinierende Unterwasserwelt des Roten Meeres!
Blue Water Team